Freitag, 23. Oktober 2026

Zombies – die Ursprünge

Eine Sonderausstellung im Lindenmuseum Stuttgart

Vom 24. Oktober 2026 bis 9. Mai 2027 zeigt das Linden-Museum Stuttgart die Sonderausstellung „Zombies – die Ursprünge“.

„Zombies“, so heißt es in der Pressemitteilung des Museums, „begegnen uns überall: auf Kino- und Fernsehbildschirmen, in Comics, in Games, in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Was sagen sie über uns selbst aus, und vor allem, woher kommen sie? Diese Ausstellung begibt sich auf die Spuren der Ursprünge der Zombies und lädt dazu ein, das, was über diese Untoten gesagt und geschrieben wurde, neu zu betrachten.“

In der Pressemitteilung wird das Spektrum, das die Ausstellung behandelt, folgendermaßen zusammengefasst: „Die Heimat der Zombies ist die karibische Insel Haiti. Bevor der Zombie zur globalen Figur aus Horrorfilm, Comic und Game wurde, bezeichnet der Begriff „zombi“ hier einen Zustand, der mit der Vodou-Religion verbunden ist. Er ist aus der kulturellen Vermischung von west- und zentralafrikanischen Religionen, vorspanischen Glaubensvorstellungen sowie katholischen Einflüssen während der Zeit des Kolonialismus entstanden.

In Haiti bezeichnet „zombi“ vor allem ein gefürchtetes Wesen, einen Untoten des Vodou, eine Person, die aufgrund eines schweren Verbrechens mit Hilfe von Drogen zur Arbeit verurteilt wird und starke Parallelen zur Versklavung von Menschen zeigt. Gibt es diese Zombies wirklich oder sind sie nur dazu da, in der Gesellschaft durch die Androhung eines schlimmen Schicksals Ängste zu schüren? Welche Wirklichkeiten stehen hinter den Erzählungen über Zombies: religiöse Vorstellungen, Rechtsprechung, Macht, soziale Ängste? Diese Ausstellung nähert sich den ursprünglichen Perspektiven.“

Die Ursprüngliche Ausstellung wurde vom Musée du quai Branly - Jacques Chirac, Paris konzipiert und dort vom 08. Oktober 2024 bis zum 16. Februar 2025 unter dem Titel Zombis - La mort n´est pas une fin? Präsentiert. Für die Stuttgarter Ausstellung Zombies - die Ursprünge wurden die Texte überarbeitet, die Narrative umgestellt, die Ausstellung um Exponate aus der eigenen Sammlung bereichert und, wie es im Begleitheft formuliert ist, „die Ausstellung an das Stuttgarter Publikum angepasst“ Dem Linden-Museum war es dabei wichtig, nach einer allgemeinen Einleitung zu Haiti den Kolonialismus als Grundlage für die Entwicklung des haitianischen Vodou an den Anfang der Ausstellung zu setzen sowie dem popkulturellen Phänomen mehr Gewicht zu geben.

Tatsächlich bietet die Ausstellung viele spannende Informationen und Eindrücke und bei genauerer Betrachtung scheint sich das inhaltliche Konzept des Linden-Museums im Sinne von „mehr Kultur- und Kolonialgeschichte – weniger Vodou-Zauber“ tatsächlich ein wenig von seinem französischen Ursprung zu unterscheiden. Das Begleitprogramm, aus dem ich im folgenden ein paar Veranstaltungen herausgreife, mag dies veranschaulichen:

Themenführungen: Gibt es Zombies wirklich? Und Versklavung, Arbeit und Fremdbestimmung.

Veranstaltungen: Zombies – Vom Vodou-Mythos zur Gesellschaftsmetapher. Vortrag von Prof. Dr. Marcus Stiglegger. Día de los Muertos Mexikanisches Fest zum Totengedenken – diesmal auch mit Blick nach Haiti. Zombies – die Ursprünge. Vortrag von Prof. Dr. Inés de Castro. Black Zombie. Dokumentarfilm von Maya Annik Bedward. Haiti: Vom kolonialen Saint-Domingue bis in die Gegenwart. Vortrag von Dr. Yann-Olivier Kersaint. Game(s)changer: Zuckerplantagen in der Karibik. Drop-in-Workshop für alle, die gerne spielen

Die „Armee der Schatten“ – das Tribunal der Bizango Haiti, 2. Hälfte, 20. Jh. Copyright: Bureau National d’Ethnologie, Port-au-Prince, Haiti, Foto: Dominik Drasdow

Für den Besuchenden eröffnet sich die Welt des Vodou in der Präsentation zentraler Orte. Da sind zum einen die zahlreichen Vodou-Tempel auf Haiti, die hounfleur oder ounfo. Hier finden unter Anleitung der PriesterInnen u.a. öffentliche Heilungs- und Weissagungszeremonien statt. Doch die Tempel waren auch Wirkungsstätte der haitianischen Geheimgesellschaften. So zum Beispiel die Bizango-Gesellschaft, die mit dem Phänomen der Zombifizierung in Verbindung gebracht wird. Eine zentrale Rolle hierbei spielt die „Armee der Schatten“, die in der Ausstellung durch etwa 20 Lebensgroße Figuren präsentiert wird. Mit dem Zombi-Mythos, den Geheimgesellschaften und der Armee der Schatten werden vor allem die kolonialgeschichtlichen Hintergründe beleuchtet.

 

Friedhof Szenografie in der Ausstellung Foto: Dominik Drasdow

Der Friedhof ist ein weiterer zentraler Ort des haitianischen Vodou. Hier herrschen Baron Samedi und seine Gemahlin, die uneingeschränkte Autorität über die große Familie der Gottheiten des Todes ausüben. Baron Samedi, eine schillernde Figur mit Zylinder, altmodischem Gehrock, dunkler Brille, Zigarre und Spazierstock, wird das ganze Jahr über mit Opfergaben an seinem symbolischen Grab verehrt und am 1. und 2. November begehen Tausende Vodou-Gläubige die Feierlichkeiten der Fét Gede, der Feiern zum Tage des Todes.

Alles in allem eine Ausstellung, deren Besuch sich allein aufgrund ihrer inhaltlichen Vielschichtigkeit lohnt, die aber auch atmosphärisch einiges zu bieten hat.

Bild oben: Zombies Plakat Bildmotiv: Barbara D’Antuono, Entre deux mondes (Detail). Foto M. Gandolphe de Witte, Grafik Cercle Studio, mit freundlicher Genehmigung des Musée des Confluences 1

Publikationsempfehlungen

Vampire, Wiedergänger und Untote.

In meinem Buch „Vampire, Wiedergänger und Untote“ spielen die Ursprünge der Zombi-Vorstellungen keine wesentliche Rolle, wohl aber ansatzweise ihre filmische und teilweise auch politische Adaption im 20. Jahrhundert. Stattdessen begebe ich mich mit meinem Streifzug durch die Kulturgeschichte generell auf die Spur der lebenden Toten. Das beginnt bei den omnipräsenten Ahnen im vorzeitlichen Wohnzimmer, reicht über wilde Trinkgelage verstorbener Fürsten in bronzezeitlichen Hügelgräbern bis zum Vampirhype in unserer Zeit. Denn die Vorstellung von Verstorbenen als Wiedergänger, als leibhaftige Tote, die in ganz unterschiedlicher Weise in das Schicksal der Lebenden eingreifen, scheint fester Bestandteil der menschlichen Kultur zu sein.

 Zombies – die Ursprünge, das Begleitheft

Die Tatsache, dass es sich bei des haitianischen Zombies um spezielle Untote handelt, die im kulturgeschichtlichen Kontext eine ganz besondere Rolle spielen, macht die Ausstellung Zombies – die Ursprünge so spannend und empfehlenswert. Und in diesem Zusammenhang möchte ich ebenfalls auf das lesenswerte Begleitheft zur Ausstellung hinweisen, das im Shop des Linden – Museums erhältlich ist.



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