Donnerstag, 12. März 2026

Moorgeflüster

ein lyrischer Bildband

Zugegeben, es war ein Wagnis, mir dieses Buch zur Besprechung zu bestellen. Denn ich habe nur relativ wenig insbesondere mit moderner Lyrik am Hut. Und doch war die Versuchung groß. Denn die Ausschreibung, der ein Teil der publizierten Gedichte zugrunde liegt, hatte auch mich, den Küchentischlyriker gereizt, daran teilzunehmen, was ich aber in der realistischen Einschätzung meiner diesbezüglichen Fähigkeiten dann doch unterlassen habe. Viel wichtiger aber: Ich finde Moore faszinierend, sowohl was ihre literarische Verarbeitung als auch ihre Natur- und Kulturgeschichte betrifft, von ihrer Bedeutung für das Klima ganz zu schweigen.

Ein Moor ist ein Moor ist ein Moor?

Es gibt viele unterschiedliche Moorarten, den meisten Menschen sind vor allem Hoch- oder Niedermoore ein Begriff, bestenfalls noch Zwischenmoore. Letztere weisen bereits auf einen wichtigen Aspekt von Moorlandschaften hin: Moore sind lebendig, sie wachsen, sie verändern sich, ständig und unterschiedlich, je nach naturräumlichen Bedingungen und Bewirtschaftung. Kein Moorerlebnis gleicht also dem anderen und allein dies dürfte ein Grund für die Faszination dieser Naturräume sein, wenn man sie denn Naturräume sein lässt.

Jahrtausende lange Moorkultur

Mit diesem Buch ist es den Initiatoren und Verfassern gelungen, die Vielfalt, die Ökologie und das Verhältnis des Menschen zu dieser speziellen Umwelt gewissermaßen emotional, kulturell und historisch aufzuarbeiten und dabei unterschwellig viel sachlich/wissenschaftliche Information über die mal schaurig schönen, mal einladenden, mal abweisenden, immer aber beeindruckenden Landschaften zu transportieren. Ein gutes Beispiel dafür, was Kultur zu leisten vermag. Doch auch die Zerstörung der Moore findet in der Kultur ihren Ursprung und ihren Niederschlag. So sind es nicht nur die modernen Gedichte und Texte, die ein eher positives, ökologisch wertvolles Bild dieser Landschaften zeichnen, sondern auch jene Historischen, die in romantisch verklärender Weise die Schaurigkeit dieser Orte geradezu zelebrieren.

Faszination des Grusels als Türöffner

„Oh schaurig ist's übers Moor zu gehen“ heißt es und die ersten Gedanken beim Stichwort Moor richten sich noch heute auf Moorleichen, Irrlichter und allerlei Gruseliges und weniger auf die enormen CO2-Speicherkapazitäten und Biodiversitätspotenziale. Andererseits sind es gerade die eher schaurigen Geschichten, die oft einen ersten emotionalen Bezug zu diesen besonderen Biotopen herstellen, einen Bezug, der sich allein durch das Spazieren über die stabilen Bohlenwege der gezähmten und geschützten Naturschutzgebiete dem Wanderer nicht zwingend ergibt. Allein schon deshalb nicht, weil sich nur wenige Menschen der nächtlichen Faszination der Moore aussetzen. Aber auch, weil so manch überwältigender Eindruck sehr genaues Hinschauen voraussetzt.

Durch Künstleraugen

Auch sehr genaues Hinschauen wird in diesem Buch mit Fotos, Kollagen, Gemälden zelebriert. Da kann der Betrachtende in die grandiose Welt der Torfmoose eintauchen, in nebelige Zwischenwelten hineingezogen werden und an den Impressionen der Künstler teilhaben. Es ist ein besinnlich aufregendes Moorerlebnis, das das Buch vermittelt und man muss beileibe kein Lyrikfan sein, um dieses Gesamtkunstwerk zu genießen. Doch sollte man sich viel Zeit für dieses Buch nehmen, es lohnt sich, denn eine interdisziplinär-kulturelle Auseinandersetzung mit dem Moorgeflüster geht am Ende tiefer als jedes Sachbuch.

Joana van de Löcht, Niels Penke, Jonas Stuck (Hrsg.): Moorgeflüster. Ein Lyrischer Bildband. Oekom 2026. Hardcover, 250 Seiten.

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