Dienstag, 25. Januar 2022

Die schönsten Märchen von Hans Christian Andersen

Illustriert von Edmund Dulac

Es dürfte so um die knapp 60 Jahre zurückliegen, da ich ein Märchenbuch von Hans Christian Andersen in den Händen gehalten habe. Besonders zwei dieser Märchen hatten es mir angetan: Die kleine Meerjungfrau und der standhafte Zinnsoldat. Ein wenig verrückt erscheint es auf den ersten Blick, dass im Nachhinein betrachtet diese beiden Geschichten ganz offensichtlich mein Interesse an Seefahrt und Schiffen entfacht hatten. In jedem Fall hatten mich Andersens Märchen außerordentlich beeindruckt, sehr viel mehr als die der Grimms. Woran dies gelegen haben könnte hat sich mir bei der Lektüre der vorliegenden Neuerscheinung der wbgEdition erschlossen, in der bei den sieben ausgewählten Märchen zwar nicht mein bewunderter Zinnsoldat, wohl aber die Meerjungfrau Aufnahme gefunden hat.

wortgewaltig, phantastisch, emotional

Als „echte“ Märchen habe ich die Geschichten Andersens, dieses „merkwürdigen Dänen“, wie Geneviève Brisac ihn in ihrem Vorwort tituliert, weder in meiner Kindheit noch nach der heutigen Lektüre empfunden. Es fehlt die Moralinsäure, der erhobene Zeigefinger, die einfache  gut – böse Welt, auch wenn die Geschichten durchaus eine Moral haben und von (vor allem sozialen) Gegensätzen leben. Aber im Gegensatz zu „klassischen“ Märchen überwältigen sie mit wortgewaltigen Bildern, Emotionen und Phantasmen. Die und der gelegentlich recht unerwartete Ausgang der Geschichten sind es auch, die am Ende einen emotional positiv verunsicherten und damit nachdenklichen Leser zurücklassen. Geneviève Brisac formuliert es folgendermaßen: „… rühren Charme und Kraft von Andersen, seine Modernität auch, daher, dass er, indem er ohne Unterlass, aber verhüllt, von sich spricht, von uns spricht, ohne dass wir uns dagegen wehren müssten, von Unterbewusstsein zu Unterbewusstsein gewissermaßen.

Ein bibliophiles Buch auf der Basis der französischen Prachtausgabe von 1911

Die wbgEdition folgt in Text und Buchschmuck der 1911 erschienenen besonders reich ornamentierten französischen Edition „La Reine des neiges et quelques autres contes“ (Die Schneekönigin und einige andere Geschichten). Und so darf sich der Leser sowohl von den die Phantasie anregenden Texte Andersens als auch den phantastisch-phantasievollen Illustrationen des Edmund Dulac gefangen nehmen lassen. Der französisch-britische Künstler gehörte wohl zu den profiliertesten Buchillustratoren Europas im sogenannten „golden age of illustration“. Er wurde, wie der Covertext verrät in ganz Europa als König der Buchillustration gefeiert.“ Seine Illustrationen bedürfen eigentlich im Kontext der Märchen keiner besonderen Interpretation, dennoch darf natürlich ein Buch wie das hier vorliegende weder auf kunstwissenschaftliche Vorstellung des Künstlers und seines Werkes noch auf eine kurze Biografie und Textinterpretation Andersens noch auf die Bibliografische Anmerkung zur Ausgabe verzichten. Glücklicherweise alles ohne Fachchinesisch, gut verständlich und damit ebenfalls lesenswert und informativ.

Das Buch ist ohnehin nicht nur Märchenlektüre, sondern vor allem ein bibliophiles Werk, das mir sicherlich nicht nur wegen gewisser Sentimentalitäten aus der Kindheit sehr gefällt.

Hans Christian Andersen: Die schönsten Märchen. Illustriert von Edmund Dulac. wbgEdition 2022. Gebunden, 28 x 23 cm, 174 Seiten

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