Sonntag, 14. Februar 2016

Von Katzen und Menschen


Sozialgeschichte auf leisen Sohlen

Welche Rolle die Katze in der Kulturgeschichte spielte, welchen Stellenwert die Kulturen den Katzen in ihrer Gesellschaft einräumten, ist Gegenstand dieses Buches. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen befassen sich in ihren Aufsätzen mit dem Mensch-Katze-Verhältnis, von den Ägyptern bis Heute und präsentieren dabei oft überraschende Perspektiven.

Beim Thema des ersten Aufsatzes „Die Katze im alten Ägypten“, denkt der vorbelastete Leser natürlich zunächst an mystische Kulte, die die Katze - als Verkörperung der Göttin Bastet - Gegenstand religiöser Verehrung sein und einen Sonderstatus in der ägyptischen Gesellschaft einnehmen lässt. Ursprung der Verehrung, das weiß der Katzenliebhaber, ist der Schutz des den Ägyptern so wichtigen Korns vor Ratten und Mäusen durch die geschmeidigen Jäger. Und eigentlich erwartet der historisch gebildete Katzenfreund kaum etwas Neues. Prof. Dr. Wolfgang Schuller, 1976 – 2004 Ordinarius für Alte Geschichte an der Universität Konstanz, befasst sich natürlich auch mit diesen Aspekten und zitiert dabei zeitgenössische Quellen. Allerdings zeigt bereits die Tatsache, dass er diese Schilderungen mit den entsprechenden kulturgeschichtlichen Hintergrundinformationen auf ihren Realitätsgehalt überprüft, dass der Leser doch mehr und andere als die üblichen Informationen, die in zahllosen Katzenbüchern und Internetseiten endlos wiedergekäut werden, erwarten darf. Allein die Bezeichnung für Katze in Ägypten deutet darauf hin, dass neben der religiösen auch eine recht starke profane, private Beziehung zur Samtpfote, der „Miau“ -  so wird das Schriftzeichen für Katze ausgesprochen – existierte.

Katzen spielten in der mittelalterlichen Heilkunde recht gegensätzliche Rollen

Nicht alle Aufsätze können einen so umfassenden Bezug zwischen Katzen und der gewählten kulturgeschichtlichen Epoche oder Region herstellen. Aber auch bei den keltischen Katzen, denen sich der Professor für walisische und englische Geschichte, Michael Richter widmet, erwarten den Leser spannende kulturgeschichtliche Informationen. Und er erfährt, dass sich die Katzen zwar auch in die keltische Gesellschaft – und hier nicht zuletzt in die Herzen der irischen Mönche -  eingeschlichen haben, von einer göttlichen Verehrung aber keine Rede sein kann.
Mit der „Katze im Kochtopf“ ist der Leser nun im Mittelalter angelangt. Auch hier vermutet man zunächst Bekanntes. Tatsächlich aber gelingt es auch der Historikerin Sabine von Heusiger mit dem Ansatz „Ernährung und Kultur im Mittelalter“ neue Akzente zu setzen und Überraschendes zu vermitteln. So mancher Naturheilkundlich angehauchter Katzenliebhaber dürfte hinsichtlich seiner Verehrung für mittelalterliche Heilkundige an der einen oder anderen Stelle ins Grübeln geraten.

Hunde und Katzen waren Symbole von Herrschaft und Revolution

„Die Katze in der Frühen Neuzeit, Stationen auf dem Weg zur Seelenverwandten des Menschen“. Mark Hengerer, Historiker und Soziologe unternimmt den schwierigen Versuch, die Rolle und Definition des Haustieres im Rahmen der komplexen Prozesse, die die europäische Welt im geografischen und geistigen Aufbruch kennzeichnen, zu entwickeln. Der Versuch ist gelungen und vielleicht am Überraschendsten ist die Erkenntnis, dass Vieles von dem, was wir heute über unsere Stubentiger zu wissen glauben, aus eben den gesellschaftlichen Konflikten dieser Zeit heraus resultiert. Dazu gehört auch die angeblich natürliche Gegnerschaft zwischen Hund und Katze.
Die Gegnerschaft zwischen Mensch und Katze untersucht Jürgen Osterhammel, Professor für Neuere und Neueste Geschichte. „Menschenfresser und Bettvorleger, der Tiger in einer kolonialen Welt“ heißt sein Aufsatz, der den Krieg zwischen den Menschen und den indonesischen Tigern zum faszinierenden Thema hat. Ein Beitrag, der nicht nur dem Respekt vor den mächtigsten Katzen der Welt neue Nahrung verleiht, sondern angesichts der aktuellen Bedrohung dieser faszinierenden Wesen von größter Aktualität ist.

Von der geheimnisvollen Rolle der Katze im Schauerroman und in der Werbung

Bei der Katze im angloamerikanischen Schauerromanen, dem Aufsatz der Professorin für Anglistik und Naturwissenschaften wird es zu einem guten Teil Tiefenpsychologisch. Kein Wunder, ist doch die Zeit der schwarzen Romantik ebenfalls die kulturgeschichtliche Phase, in der neben dem Okkultismus und der Esoterik die Tiefenpsychologie eine Hochzeit erlebte. Bei den „Klassikern, Klugscheißern und Koautoren“ begegnen uns die Krimikatzen, darunter Francis und Mrs. Murphy. Hier untersucht die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Landfester die literarische Funktion, die die/der jeweilige kätzische Protagonist einnimmt.
„Die Katzen in der Werbung im 20. Jahrhundert“ zeigen in der Veränderung ihrer Präsentation und Einsatzes in der Werbung gleichzeitig die Veränderung der Rolle, die die Katze in der Gesellschaft und Familie einzunehmen beginnt. Clemens Wischermann, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte gibt dabei gleichzeitig einen interessanten Einblick in die Ikonografie der Werbung.

Die Katze wird zum Opfer des gesellschaftlichen Hygienewahns

Die Aufsätze „Sozialrationalisierung in Frankfurter Neubausiedlungen (1925 – 1932)“ (Adelheid von Saldern, Prof. für Neuere Geschichte), „Katzen und Katzenschutz im nationalsozialistischen Deutschland“ (Maren Möhring, Historikerin und Germanistin) und „Tierschutz und -beherrschung in den 1950er und 1960er Jahren“ (PD für Neuere Geschichte und Sozialgeschichte) haben trotz unterschiedlicher Schwerpunktthemen eines gemeinsam. Sie zeigen, dass sowohl der moderne Tierschutz als auch das ambivalente Verhältnis zum Tier in seiner Form als Nutz- oder Kuscheltier, seine ideologische Quellen aus der Vergangenheit zum Teil überwunden, zum Teil aber bis heute oft ohne Kenntnis der Ursprünge tradiert hat. Gerade diese Aufsätze regen katzenunabhängig zum Reflektieren unseres Verhältnisses zum Tier, sowohl in gesellschaftlichem aber auch im persönlichen Maßstab an.
Es ist der Chronologie geschuldet, dass sich zwischen diese Aufsätze der Beitrag zur „Denominationskultur der deutschen Streitkräfte im 20. Jahrhundert“ von Prof. Lothar Burchardt u.a. Militärhistoriker, geschoben hat. Hier steht die Namensgebung bei den Panzerwaffen der Streitkräfte seit dem dritten Reich im Mittelpunkt der Betrachtungen, die unter den Namen Tiger, Leopard, Jaguar oder Panther bekannt geworden sind.

Ein facettenreiches Buch über das Verhältnis des Menschen zur Katze im Laufe der Zeiten

Mit den letzten drei Aufsätzen „Metamorphose und Halbwesen, Die Cat People – Filme von Jacques Tourneuer und Paul Schrader von Prof. Kai Kirchmann (Medienwissenschaftler), „Die Katze als Kind, Ehemann und Mutter?“ von Miriam Gebhardt (Historikerin) und „Wenn die Katze stirbt“ von Margit Dr. Schreier (Psychologin) endet das Buch in unserer heutigen Welt.
Nicht alle Beiträge des Buches beziehen sich ausschließlich auf Katzen. Einige beschäftigen sich naturgemäß mit Haus- beziehungsweise Wohnungstieren unter denen die Katze eines ist, aber eben keinen exklusiven Staus hat. Insgesamt geht es in dem Buch um das Verhältnis des Menschen zu den Katzentieren, ein Katzenbuch im klassischen Sinne ist „Von Katzen und Menschen“ also nicht. Gerade deshalb aber ist die Lektüre dieses Buches nicht nur, aber auch für Katzenliebhaber sehr empfehlenswert. Es erweitert den kulturgeschichtlichen Horizont und ist für ein Autorenkollektiv, bestehend aus Wissenschaftlern, in weiten Bereichen erstaunlich unterhaltsam zu lesen.
Clemens Wischermann (Hg.): Von Katzen und Menschen. Sozialgeschichte auf leisen Sohlen. UVK Verlagsgesellschaft 2007. Broschur, 276 Seiten. ISBN 978-3-89669-626-7

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